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Description
1/Friedemann Wunder Der mannshohe Spiegel bringt die Wahrheit an den Tag, unerbittlich, gnadenlos, so sehr er sich auch dreht und windet, um den nach wie vor durchtrainierten, muskul?sen K?rper in die vorteilhafteste Position zu bringen. Er ballt die Faust, spannt den Bizeps, pr?ft Spannung und H?rte mit der linken Hand und nickt zufrieden. Vorsichtig streicht er mit der Fingerspitze des Mittelfingers der linken Hand ?ber die tiefen Falten auf der Stirn, diese un?bersehbaren Spuren eines ausschweifenden Lebenswandels, reckt das Kinn, trainiert den arroganten Blick, verzieht die Mundwinkel - zwei Reihen makelloser, wei?er Z?hne, die zu gleichm??ig sind, als dass sie echt sein k?nnten, blitzen in dem sonnenbankgebr?unten Gesicht - und was als feistes Grinsen gedacht war, erstarrt in einer verzerrten Grimasse. ?Hier ein kleiner Schnitt, da eine leichte Korrektur?, zischt er, ?Aber wer, verdammt noch mal, wer soll's machen. Sind doch alles Metzger. H?chstens in den Staaten ... vielleicht ...? Als er jung war, die ersten Meriten erwarb, hatte er sich geschworen, dass er sich nie auch nur in die N?he des Skalpells, eines seiner nicht ann?hernd so genialen Kollegen, wie er selbst, begeben wird, doch konfrontiert mit den unleugbaren Spuren menschlichen Verfalls, ger?t sein Vorsatz merklich ins Wanken, droht sich aufzul?sen, wie seinerzeit der hohe ethische Anspruch: ich werde sie von ihrem Makel erl?sen, die H?sslichen dieser Welt, geopfert auf dem Altar ewig wachsender finanzieller Prosperit?t und gesellschaftlich verordneter Eitelkeit. Dr. Dr. hc Friedemann Wunder, gefragte Kapazit?t und nach wie vor unumstrittene Nr. 1 der plastischen Chirurgie - vielen Prominenten und unz?hligen Namenlosen hat er mit seinen virtuosen Kunstgriffen zu mehr Selbstbewusstsein und im wahrsten Sinne des Wortes, gesteigertem ?ffentlichen Ansehen verholfen - steht schon mehr als eine Stunde vor dem riesigen Wandspiegel seines luxuri?sen Badezimmers - Marmor, nicht schwarz oder wei?, sondern rosa, vergoldete Armaturen, ein Whirlpool, gro? genug f?r eine mittlere Orgie - und hadert mit seinem Schicksal. Ohne den Blick von der Gestalt im Spiegel abzuwenden, die ihm, allen Zweifeln zum Trotz, beeindruckend erscheint, greift er das hohe Longdrinkglas vom Rand des Villeroy & Boch Doppelwaschbeckens und leert es in einem Zug. Mit der linken Hand taste er nach der Flasche Gin, die normalerweise in dem schwarz lackierten Schrank neben dem Spiegel steht. ?Irina die d?mliche Kuh hat nat?rlich wieder alles wegger?umt. Seit die im Haus ist, steht nichts mehr da, wo man es braucht.? Im Gro?en und Ganzen ist er jedoch zufrieden mit Irina, der blonden Haush?lterin, deren unaussprechlicher Nachname ihm nicht ?ber die Lippen will. Vor drei Monaten hat er sie eingestellt. Sie macht eine gute Figur und das Gesicht ist h?bsch, obwohl man da auch noch etwas verbessern k?nnte. Sie stammt aus einem winzigen lettischen Dorf mit einem ebenso eigenartigen Namen, nicht gemacht f?r deutsche Zungen und was letztlich den Ausschlag gab, sie arbeitet f?r f?nf steuerneutrale Euro die Stunde. ?Was soll das Gezeter ...?, ruft er sich zur Ordnung, ?ich bin der Gr??te, Magier der Sch?nheit. Deshalb respektieren und f?rchten sie mich. Wer kommt ihnen schon je so nahe, kennt ihre intimsten Geheimnisse, im wahrsten Sinne bis unter die Haut!?? Schweren Herzens trennt er sich von seinem Spiegelbild, wandert, noch immer nackt, durch den breiten Flur, ?ber Marmor, nun jadegr?n, ins Wohnzimmer. Gegen die hohen, breiten Fensterscheiben prasseln schwere Regentropfen eines heftigen Sommergewitters. Er steuert zielstrebig das wuchtige Vertiko aus Wurzelholz an, ein Replikat im Stil der drei?iger Jahre, entnimmt der rechten Schublade eine kleine silberne Schatulle, setzt sich auf die mit burgunderrot gef?rbte B?ffelleder bezogene Couch, stellt das feinziselierte K?stchen vor sich auf den makellos reinen Glastisch - keine Schliere tr?bt den Glanz - und ?ffnet es. Er ergreift mit Daumen und Zeigefinger ein kleines Plastikt?tchen, hebt es auf Augenh?he, sch?ttelt und runzelt ungl?ubig die Stirn - sollte etwa Irina ... nein, das w?rde sie nicht wagen. Keine zwei Stunden mehr, dann wird Natalie, diese Blaupause aller Society-Schnepfen ?ber F?nfzig, ihn abholen. Und wie alle seine Gesch?pfe ist sie nahezu vollkommen. Die Br?ste mit wie erigiert stehenden Nippeln, der wohlgeformte Po, die kunstvoll verkleinerten Schamlippen und die absolut dauerhafte Haarentfernung, alles sein Werk. Er wird sie zum Empfang des Ministerpr?sidenten begleiten. Das Ganze d?rfte zwei Stunden dauern und im Anschluss wird sich die Horde immer gleicher Schmarotzer, M?chtegerns und Aufschneider in einer angesagten Bar selbst feiern und er wird sich Punkt 24 Uhr empfehlen und Natalie wird sich h?ten ihm in der ?ffentlichkeit eine Szene zu machen. ?Sie ist so beschissen perfekt, dass ich sie hasse.? Einem Ritual gleich formt er mit einem kleinen orientalischen Dolch, der schmale Griff kunstvoll mit Edelsteinen verziert, zwei feine wei?e Linien. Seine Gedanken wandern zum gestrigen Abend, als er mit Natalie telefonierte und diese ihm unmissverst?ndlich, als er es wagte herumzudrucksen und fieberhaft nach einer Ausrede suchte, zu verstehen gab, wie wichtig diese Einladung f?r sie und dass es unerl?sslich sei, ihn an ihrer Seite zu haben. Und da war dieser Unterton, unversch?mt fordernd, du musst ... du musst ... du musst ... du musst ... hallte in seinem Sch?del und wie schon so oft verflucht er diesen einen, unbedachten Moment der Schw?che und Offenheit. Es war nach einem seiner denkw?rdigsten Exzesse, er f?hlte sich nackt, hilflos, wie ein gerade geborenes Kind verloren in der Ein?de und Natalie erschien ihm wie eine g?tige Amme, zwischen deren anbetungsw?rdigen Br?sten er W?rme und Geborgenheit fand. Voller Abscheu denkt er an den stupiden Sex, den sie gelegentlich selbstbewusst einfordert und dass er sich danach immer wie ein lausiger Gigolo vorkommt. Erst bedient er das eine, danach das andere Nasenloch durch ein d?nnes silbernes R?hrchen, das neben dem Kokst?tchen auf blauem Samt seinem Einsatz entgegen wartete. Augenblicklich kribbeln abermillionen Ameisen ?ber die Stirnh?hle unter seine Sch?del- decke, ein sanfter Schauer durchl?uft seinen K?rper und verlorengeglaubte Energien, Klarheit und die Gewissheit alles, aber auch alles im Griff zu haben, kehren zur?ck. ?Ich werde wie immer fabelhaft aussehen, ein eloquenter und witziger Unterhalter sein und wer wei?, immerhin der B?rgermeister, kann schon was bringen ...? Er richtet sich auf - 175,5 Zentimeter, seine Schuhe l?sst er in London fertigen, speziell, was immerhin 3 Zentimeter bringt und ihn unter g?nstigen Bedingungen, kleine Frauen, rundliche M?nner, nicht gr??er als er selbst im wirklichen Leben, wie einen Einmeterachtzigmann erscheinen lassen. Und er sieht schon ein wenig l?cherlich aus, wie er da steht, dieser in die Jahre gekommene nackte Mann mit stolz geschwellter Brust. W?hrend er sich dem Dresscode entsprechend kleidet, spukt Chlo? in seinem Kopf und die Vorstellung, dass es weitaus prickelnder w?re mit dieser Frau den Abend zu verbringen, deren unverhohlene, offensiv zur Schau getragene Sinnlichkeit und eindeutige, dennoch charmante Bonmots, mitunter erfrischend vulg?r, ihn immer wieder an Mae West erinnert, besonders wenn sie wieder einmal einen dieser gewagten ausladenden H?te tr?gt. Sie ist so ganz anders als diese sogenannten Damen der feinen Gesellschaft, denen die Geilheit f?rmlich aus glitzernden Augen in den Botox gest?hlten Gesichtern trieft und die das Wort Ficken selbst nach einigen belebenden Cocktails nur giggelnd hinter vorgehaltener Hand herausbringen und dabei glauben, noch immer jungfrauenhaft zu err?ten. Selbstredend treiben Chlo? und er es nicht mehr miteinander, schon lange nicht mehr, das f?r ihn entscheidende Verfallsdatum der 39 Lenze ist l?ngst weit ?berschritten und ihm schaudert bei dem Gedanken an ihren unverh?llten K?rper. Der Abend verl?uft wie erwartet. Wunder ist ganz Dr. Dr. hc, weltl?ufig, brillant im Bildungsb?rgertumsmalltalk, von diskretem Charme, schnupft zwischenzeitlich frische Energie auf der wei?en Klobrille, in der grauen Zelle des schwarz gekachelten WCs und Natalie scheint vollends zufrieden, hebt die Mundwinkel so weit es die L?hmung gestattet. Sp?ter, im Broadway, zieht er sich zur?ck, l?chelt vielsagend, schl?rft viel zu schlappen Gin-Tonic und gr?belt, wie er Natalie seinen fr?hen Abgang plausibel verkaufen soll. Doch als er aus den Augenwinkeln beobachtet, dass sich diese angeregt mit einem jungen Kerl unterh?lt, den er noch nie in diesem illustren Kreis gesehen hat und in dessen Oberschenkel sich die Fingern?gel ihrer linken Hand krallen und er unverhohlen in ihr Silikon gepolstertes Dekollete starrt - an den Seriennummern der Implantate k?nnte man sie identifizieren, sollte sie als verst?mmeltes Opfer eines Unfalls oder eines Gewaltverbrechens enden, weicht die Anspannung und er tr?umt sich in seine Verabredung: Annabelle, 0 Uhr 45.
Product details
- Binding:
- Paperback
- Edition:
-
1
- Languages:
-
Original:
German
- Number of Pages:
-
400
- Age Recommendation:
-
16 and up
- Publisher:
-
Schweitzerhaus Verlag
- Publication Date:
-
2010-12-31
- Release Date:
-
2010-12-01
- ISBN / EAN:
-
9783939475033
- Weight:
-
409 g
- Dimensions:
-
126/193/32 cm
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