{"product_id":"literareon-die-literareon-lyrik-bibliothek-band-15-9783831620326","title":"Die Literareon Lyrik-Bibliothek - Band 15","description":"Die Nachtigall (Theodor Storm) Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem s??en Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen. Sie war doch sonst ein wildes Blut; Nun geht sie tief in Sinnen, Tr?gt in der Hand den Sommerhut Und duldet still der Sonne Glut Und wei? nicht, was beginnen. Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem s??en Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen. Wenn in der Literatur die Nachtigallen singen, gilt es, aufzupassen: Irgendetwas wird sich ereignen oder hat sich ereignet, das es wert ist, zuzuh?ren. Walther von der Vogelweide l?sst sie ein Stelldichein am Waldrand bezeugen und kann sich ihrer Verschwiegenheit sicher sein. Und da es gerade nicht die Nachtigall ist, die singt, m?ssen Romeo und Julia ihre erste Nacht beenden. Solange die Nachtigall sang, war alles in Ordnung. Meldet die Lerche den Tag, beginnen die Sorgen, die Einsamkeit und das Verh?ngnis. Auch bei Storm singt eine Nachtigall, die ganze Nacht lang. Es muss Fr?hling sein, nicht der raue M?rzfr?hling mit seinen kurzen warmen Sonnenstrahlen und dem unsicheren, verletzlichen Sprie?en. Es ist der Maifr?hling, in dem Tier und Kraut explodiert vor lauter Lust und Lebensfreude. Und etwas ist passiert in dieser Nacht. Wenn wir dann die dritte Strophe lesen, lesen wir sie - obwohl sie mit der ersten vollkommen identisch ist - anders. Es w?re schlichtweg falsch, zu behaupten, die dritte Strophe wiederhole die erste. Und das macht Storms kleines Nachtigallengedicht so einzigartig. Es verweist, einem doppelten Spiegel gleich, mitten in die Tiefe dessen, was Gedichte sind. Sprache ist hier nicht Sprache, Worte sind nicht Worte und Bedeutungen nicht Bedeutungen; Naturgesetze, die ?Ist-Gleich-Zeichen? der ?u?eren Welt, verlieren ihren Belang. Was hier stattfindet, ist der Wiedereintritt der Form in die Form: Sprache in Versform, gebunden durch Laut, Reim, Rhythmus und Melodie, erz?hlt keine Geschichte, stellt keinen Ablauf dar, keine Handlung. Sie versetzt uns mitten in ein Geschehen, eine Stimmung, und ebenso hurtig l?sst sie uns wieder in Ruhe. Gedichte sind, seit der Entwicklung einer modernen Lyrik ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert, Momentaufnahmen, oft reduziert auf kleine, unscheinbare Sinneseindr?cke und Erlebnisse, die fl?chtig sind wie der Wind. Eine Idee, ein Gedanke, ein Horizont; eine Welt. Thema und Anlass k?nnen nichtig sein oder bedeutend, das spielt keine Rolle. Gedichten liegt die ?berlegung und die ?berzeugung zugrunde, dass zwischen unserem Wahrnehmen und der Welt, wie sie ist, ein tiefer Graben droht, in den hinabzusteigen die Philosophen wagen - mit mehr oder weniger Erfolg. Gedichte hingegen bauen uns Stege ?ber diesen Graben und lassen uns daran teilhaben, dass die Welt so viel mehr ist, als das, was unser Wahrnehmen zul?sst. Zweimal hat sie gesungen, die Nachtigall, in identischen Worten. Doch, was wir h?ren, ist, wie beim Gesang der V?gel in der Natur, niemals das gleiche. M?nchen im Fr?hjahr 2014, Korbinian vom Leder","brand":"utzverlag GmbH","offers":[{"title":"Default Title","offer_id":53637965381974,"sku":null,"price":0.0,"currency_code":"EUR","in_stock":false}],"thumbnail_url":"\/\/cdn.shopify.com\/s\/files\/1\/0925\/5829\/5382\/files\/product_image_9783831620326_1_98567e92-d282-438e-a2d6-8d9e7fa251f2.jpg?v=1781730077","url":"https:\/\/www.momoxbooks.com\/products\/literareon-die-literareon-lyrik-bibliothek-band-15-9783831620326","provider":"momoxbooks","version":"1.0","type":"link"}