{"product_id":"jorn-sack-preis-fuer-politische-lyrik-9783940781697","title":"Preis für politische Lyrik","description":"Wann, wenn nicht in dieser bewegten Zeit, sollte politische Lyrik, soweit sie ?berhaupt noch einen Sinn erf?llt, ihre Wiedergeburt feiern?\n\u003cbr\u003e\nSie hatte in Deutschland seit Walther von der Vogelweide bis hin zu Brecht und Biermann eine lange, stolze Tradition und belegte, dass Minnesang, Weltschmerz, Innerlichkeit und Biedermeier selbst zur Zeit ihrer jeweiligen Hochbl?te geistig nicht allein den Ton angaben. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts jedoch erstarb die politische Lyrik im Westen; nur in der DDR gab es ein leises Fortwirken.\n\u003cbr\u003e\nIch mache mir nichts vor: Die Polly-Wettbewerbe zeigen zwar ein Bed?rfnis und Interesse an politischer Dichtung, denn es gab wiederum die hohe Zahl von 648 Einsendungen mit erstmals mehr weiblichen als m?nnlichen Teilnehmern; doch sie haben aus k?nstlerischer Sicht das Genre noch nicht wiederbelebt und sicher kaum Breitenwirkung erzielt. Dazu fehlt es bisher einfach an Herausragendem - und sei es nur in Form eines einzigen, ganz starken Gedichts. Auch sonst hat sich, abgesehen von G?nter Grass' letztem (und meiner Ansicht nach aus durchsichtigen Gr?nden viel geschm?htem) Bem?hen (,Was gesagt werden muss') wenig getan. Eine noch so gro?artige Tradition kann allein nicht das Fortleben einer Kunstgattung sichern, mag sie auch aus unserer Geschichte eine st?ndige Aufforderung an uns richten. Vielleicht gibt es zwischen der Gro?en Prosa und dem Theater, die Lebensfragen, einschlie?lich der gesellschaftlichen, breit und grundlegend angehen, und dem an der Tagespolitik ausgerichteten Kabarett f?r die politische Lyrik tats?chlich keinen gesicherten Lebensraum mehr. Man wird gegebenenfalls konstatieren m?ssen, dass f?r die reine Dichtung, will sie erfolgreich sein, wie etwa die k?rzlich ausgezeichneten Monika Rinck und Jan Wagner belegen, nur das Idyll, Selbstversunkenheit oder Blindflug mit Sprachakrobatik und Finassieren bleiben; dass das Wagnis, dem sich politische Lyrik aussetzt, die Wirklichkeit des Lebens - und zwar des gesellschaftlichen - zu packen, notwendig ihre Qualit?t mindert, wie es die Kunstkritik dem genannten Gedicht des alten Grass bescheinigt hat. Schon Goethe bemerkte ja zu Eckermann: Der Politiker in Uhland werde den Dichter rasch verk?mmern lassen. Seltsam nur, dass dies f?r das lyrischste Theater, die Oper, nicht gilt. Sie zieht bis heute ihre Stoffe vielfach aus gesellschaftlichen, oft sehr aktuellen Konflikten. Ein Symposium ?ber ,Oper und Politik' der Deutschen Oper Berlin hat es im letzten November deutlich gemacht.\n\u003cbr\u003e\nVielleicht schl?gt sich die Einsamkeit des literarisch-lyrischen Schaffens unabdinglich im Stoff nieder. Doch warum war es fr?her anders? Wirkte damals Lyrik auf ein breiteres Publikum und war schon von daher als gesellschaftspolitisches Medium interessant? Die Frage bleibt gestellt.\n\u003cbr\u003e\nDie meisten Einsendungen besch?ftigten sich, wie k?nnte es anders sein, mit den Fl?chtlingsstr?men und Fl?chtlingstrag?dien der letzten Jahre. Leider blieb die k?nstlerische Bew?ltigung fast durchweg unzureichend, und keines der vielen hundert Werke zu diesem Thema kam deshalb in die engere Auswahl. Nur in der Anlage finden sich zwei Einsendungen dazu, eine davon ein Prosatext. Die Erkenntnis ist bedauerlich und stellt im Grunde einen Mangel des vorliegenden Bandes dar. Aber Engagement und Herzblut allein bringen nun einmal noch kein gutes Gedicht hervor.\n\u003cbr\u003e\nIch will deshalb einmal sehr konkret, ja aufdringlich didaktisch werden und am Beispiel eines der ber?hmtesten Werke deutscher politischer Lyrik, Heines ,Weberlied', das Ungen?gen vieler Einsendungen illustrieren. Das Original beginnt so:\n\u003cbr\u003e\nIm d?stern Auge keine Tr?ne,Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Z?hne:Deutschland, wir weben dein Leichentuch,wir weben hinein den dreifachen Fluch -Wir weben, wir weben.\n\u003cbr\u003e\nDen Auftakt zu Heines Gedicht bildet ein starkes, sehr konkretes Bild, das aber schon in der dritten Zeile unvermittelt und heftig ins allgemein Politische ?bergeht. Das Elend der schlesischen Weber ist f?r Heine Symptom des erb?rmlichen Zustands einer ganzen Gesellschaft. Folglich macht das Gedicht in den folgenden Strophen Gott, K?nig und Vaterland als Werte dieser Gesellschaft nieder.\n\u003cbr\u003e\nMan k?nnte das Thema auch anders angehen und es damit vom Ansatz her wirkungslos machen, wie meine bewusst unbeholfene Nachdichtung aufzeigt:\n\u003cbr\u003e\nDie schlesischen Weber sind elend dran,Sie nagen am Hungertuch.Der Webstuhl ern?hrt nicht mehr seinen Mann,drum st??t er aus einen dreifachen Fluchund webt und webt und webt. \n\u003cbr\u003e\nIch m?chte es zur gedanklichen Anregung f?r die weitere lyrische Arbeit jedem selbst ?berlassen, die beiden sehr ungleichwertigen Texte im Einzelnen zu vergleichen und vielleicht eine eigene, m?glichst bessere Nachdichtung zu versuchen. Keine einfache Sache, aber n?tzlich f?r die weitere Arbeit an aktuellen Stoffen.\n\u003cbr\u003e\nInteressant ist, dass politische Lyrik dieser Tage die Auferstehung einer Kategorie von Dichtung erzwingt, die nach Brecht fast v?llig verloren ging: der Ballade. Viele Einsendungen haben diese einmal hoch im Ansehen stehende Form gew?hlt. Die besondere Schwierigkeit dabei ist, mit der die Ballade, ein episches Gedicht, auszeichnenden Inbrunst zurechtzukommen, obwohl sie unserer Zeit so gar nicht schmeckt. Die parodistische Verfremdung, die Brecht daf?r eingesetzt hat, ist nicht jedermanns Sache und eignet sich auch nicht f?r alle Gegenst?nde. Wie auch immer, jedenfalls ist die Wiederbelebung der Ballade im Rahmen politischer Lyrik eine faszinierende Aufgabe, m?gliches Scheitern eingeschlossen. Man kann es verk?rzt so sagen: Ohne eine neue Kunst der Ballade wird es keine erfolgreiche neue politische Lyrik geben.\n\u003cbr\u003e\nWas will, was soll politische Lyrik? Sie ist Kunst, die sich nicht selbst genug ist, aber im Gegensatz zum Essay eindeutig an die Emotion appelliert. Sie soll deshalb klassischerweise begeistern, preisen, anklagen, blo?stellen, verh?hnen, betrauern; heute zunehmend: erfassen, durchschauen, brandmarken, zubei?en, manchmal blo? reflektieren. Aber beim Letzteren wird es schwierig, weil die Emotion verloren geht. Ist politische Lyrik gelungen, l?dt sie zu musikalischer Untermalung fast von selbst ein. Die Ingredienzen, deren es dazu bedarf, hat Brecht mit ganz anderer Zielrichtung in der ersten Strophe seines heute als ,Kinderhymne' bekannten Textes, der den Versuch zu einer Nationalhymne neuen Stils darstellte, vorgegeben:Anmut sparet nicht noch M?he?\/?Leidenschaft nicht noch Verstand \n\u003cbr\u003e\nBetrachtet man von daher die Einsendungen, so fehlt es den wenigsten an Leidenschaft; viele zeichnet auch Verstand aus. Aber mit der M?he (die man in einem Gedicht nie sp?ren, aber doch erkennen muss) und vor allem der Anmut hapert es oft. \n\u003cbr\u003e\nWie in bisher allen Wettbewerben zeigte sich auch dieses Mal, dass den Autoren die Utopie g?nzlich und selbst die Zuversicht weitgehend abhandengekommen sind, obwohl sie gerade f?r die Bew?ltigung der Fl?chtlingskrise dringend gebraucht w?rden. Manchmal m?chte man fast meinen, wir lebten trotz des materiellen Erfolgs unserer Gesellschaftsordnung in der schlechtesten aller Welten und Zeiten. Es herrscht Untergangsstimmung. \n\u003cbr\u003e\nDabei durchzieht nahezu alle Werke eine gro?e Sehnsucht nach Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Universalit?t und Geborgenheit. Allerdings wird meist ?bersehen, dass zwischen den letzten beiden eine ?hnlich schwer abzugleichende Spannung besteht wie zwischen Freiheit und Gleichheit. Diese Spannung, die vielleicht Unvertr?glichkeit bedeutet, ist praktisch nie herausgearbeitet worden. Dabei ist es ein sch?nes Thema. Gibt es zwischen Kosmopolitismus und Kiez (notwendige) Verbindungsst?cke? F?r die meisten V?lker der Welt ist das wohl keine Frage. Uns Deutschen aber sind Familie, Religion und Nation, abgestandene, verranzte Begriffe. Stehen wir damit f?r die Avantgarde gesellschaftlicher Entwicklung oder eher zunehmend wurzellos und somit hilflos da in einer vom technischen Fortschritt getriebenen Zeit? \n\u003cbr\u003e\nJ?rn Sack","brand":"edition bodoni","offers":[{"title":"Used - good","offer_id":53130493198678,"sku":"9783940781697-G","price":46.08,"currency_code":"EUR","in_stock":false}],"thumbnail_url":"\/\/cdn.shopify.com\/s\/files\/1\/0925\/5829\/5382\/files\/product_image_9783940781697_1.jpg?v=1781603719","url":"https:\/\/www.momoxbooks.com\/products\/jorn-sack-preis-fuer-politische-lyrik-9783940781697","provider":"momoxbooks","version":"1.0","type":"link"}