{"product_id":"a-bruder-horst-einspruch-9783948229214","title":"EinSpruch","description":"Vorwort\nHeinrich von Kleist schrieb einst: „Besäßen wir keine Augen\nsondern grüne Gläser, sähen wir die Welt grün. Und alle Bekenntnisse,\ndaß noch andere Farben existieren, würden wir erstaunt\nverneinen!“\nNatürlich nehmen wir nur selektiv war; das gesamte Spektrum\ninfraroter und ultravioletter Strahlen bleibt uns verborgen. Selbst\ndas Sichtbare unterliegt unserer Subjektivität, und dies in einer\nZeit, die zu viel sieht und zu wenig betrachtet. Alles sehen zu\nwollen, bedeutet aber, nichts mehr zu erkennen.\nÄhnlich verhält es sich mit der Sprache. Grenzenlose Informationen\nsind in ihrer Quantität unbeherrschbar. Darunter viele\nWorte, denen der wesentliche Teil eines Gedankens fehlt. Unsere\nFilter sind überfordert und versagen.\nDer Aphorismus ist nur ein kleiner, unmaßgeblicher Versuch,\ndieser Kapitulation etwas entgegen zu setzen. Er ist keine Erfindung\nder Neuzeit. Das Wort Aphorismus ist griechischen Ursprungs\nund bedeutet so viel wie Abgrenzung. Als erster Aphoristiker\nüberhaupt gilt Heraklit, und der griechische Arzt Hippokrates\nverfasste seine medizinischen Grundsätze in aphoristischer Form.\nDie weltweite Liste großer Aphoristiker ist lang, war aber auch\nimmer eine Domaine der deutschsprachigen Literatur. Georg\nChristoph Lichtenberg, Arthur Schopenhauer und Friedrich\nNietzsche seien hier neben Johann Wolfgang von Goethe, Novalis\nund Karl Kraus stellvertretend genannt, die sich mit dieser Kunstform\neingehend und erfolgreich beschäftigten.\nOft wird das Wort Aphorismus auch mit Gedankensplitter\nübersetzt. Aber ist der Aphorismus nicht das genaue Gegenteil?\nForm und Größe eines Splitters sind nicht vorauszusehende Zufallsprodukte.\nDer Aphorismus mag vieles sein, dies jedoch gerade\nnicht.\nSeine Kürze konterkariert mit der Dauer des Gedankengangs,\nder zu ihm führt. Goethe leitet einmal einen Brief an Schiller wie\nfolgt ein: „Entschuldige, daß ich Dir einen langen Brief schreibe; für\neinen kurzen hatte ich keine Zeit!“ Vom Lyriker Gottfried Benn ist\nverbürgt, dass ihm an einem abgeschlossenen Gedicht etwas nicht\ngefiel, er aber vergeblich nach der Ursache suchte. Er legte die\nVerse zur Seite, und erst nach vielen Jahren fand Gottfried Benn\nein einziges, aber entscheidendes Wort, das er einfügte!\nAuch die Entstehung eines Aphorismus ist in aller Regel langwierig.\nDie Hürden vom Gedanken zur Idee, vom Spruch bis zum\nAphorismus sind hoch. Viele Überlegungen scheitern schon im\nVorfeld an der notwendigen gedanklichen Konsequenz des Inhalts\noder der Formulierung, die der Aphorismus einfordert. Mit der\nihm eigenen kurzen Sequenz versucht er, die Aufmerksamkeit der\nRezipienten zu gewinnen. Die radikale Attacke alter, verfestigter\nDenkmuster ist dabei seine schärfste Waffe.\nDer Aphorismus formuliert apodiktisch, in dem er manchmal\ndas Gegenteil bisher unumstößlicher Gewissheiten behauptet\noder in Frage stellt. Gern geht er einen Schritt zu weit, Widerspruch,\nZustimmung oder Gleichgültigkeit als mögliche Reaktionen\neinkalkulierend und akzeptierend. Die Eisdecke, die er betritt,\nist dünn, der Unterschied zwischen Mut und Wagemut verwischt.\nEr weiß um die Stärken und Schwächen seiner Totalität. Überheblich,\nvorlaut, unverfroren, taktlos und unbescheiden sind nur\neinige Adjektive, mit denen die Kritik ihn immer wieder belegt.\nAphorismen strapazieren den Leser. Sie streicheln ihn nicht;\nsubkutan suchen sie ihn heim. Ihm nicht die Hand reichend, reißen\nihn die Kurztexte wie ein Weberschiffchen hin und her.\nGegen diese Zentrifugalkräfte gibt es möglicherweise ein Mittel:\nAphorismen wollen gleichermaßen langsam und sparsam gelesen\nwerden. Während die Spannung eines Romans oder der Inhalt\neines Sachbuchs oft dazu führt, die Bücher nicht mehr aus der\nHand zu geben, sind Aphorismen – einer Medizin ähnlich - nur in\nkleinen Rationen bekömmlich. Bei allen Zumutungen des Aphoristikers\ngegenüber dem Leser bestehen vielleicht doch zwei Gemeinsamkeiten\nzwischen beiden während der Beschäftigung mit\ndieser Prosaform: die Konzentration und die Hingabe.\nAphorismen (auch diese nicht) verändern nicht die Voreinstellungen\n(auch meine nicht) gegenüber unserer Welt. Aber die\nMöglichkeit eines noch so winzigen Perspektivwechsels bei dem\neinen oder anderen Leser lässt das Schreiben von Aphorismen\nnicht ganz vergeblich erscheinen.\nNun, dieses Vorwort ist dem Aphorismus bereits zu lang. Lassen\nwir ihn also endlich sprechen!","brand":"Edition Virgines","offers":[{"title":"Used - good","offer_id":53131077419350,"sku":null,"price":0.0,"currency_code":"EUR","in_stock":false}],"thumbnail_url":"\/\/cdn.shopify.com\/s\/files\/1\/0925\/5829\/5382\/files\/product_image_9783948229214_1_ac838ef1-3ab2-4ee0-8097-92c2b6ab8cdf.jpg?v=1781241899","url":"https:\/\/www.momoxbooks.com\/products\/a-bruder-horst-einspruch-9783948229214","provider":"momoxbooks","version":"1.0","type":"link"}